Mirzlekid:Making the World Work
Mirzlekid schreibt anlässlich von «Resonanz in Sprache» über die Performance «Making the World Work» von Ernestyna Orlowska, die er am 31.1.2026 im Kulturzentrum PROGR in Bern gesehen hat.
Wir werden raus geladen zur Haus eigenen Baustelle. In den Hof des Kulturzentrums PROGR. Das Absperrgitter ist weggelüpft worden, wir dürfen die Baustelle betreten. Geräte, Maschinen, ein Zementsilo und Bauhütten. Alles da. Dort drinnen steht eine grosse stattliche Figur, ein Mensch im leuchtorangefarbenen Kleid, das ich so noch nie gesehen habe. Der Rock des Ballkleides hat etwas Gummiartiges, gerade wie die leuchtorange farbenen Absperrtöggel, die zu Absperrzwecken benutzt werden. Meist aus Hartplastik oder eben aus Gummi, damit man darüber fahren kann, ohne dass etwas kaputt geht am Autounterboden. Das Oberkleid, das sehe ich erst jetzt als Ernestyna näher bei uns steht, ist aus auseinander geschnittenen Turnschuhen genäht, auch in leuchtend orangenen Farben. Hat sie das selber genäht? Ein Einzelstück? Baustoff?
Jetzt und zum Start beginnt sie, zu leiser Bolero Musik von Maurice Ravel Werkzeuge von einem Tischkreissägen-Tisch in die Arme zu nehmen, sie sich aufzuladen, um sie alle auf einmal fortzutragen. Beide Arme überströmen von Werkzeugen. Sie muss sie sich an die Brust drücken. Sonst geht es nicht. Etwas Langes, Gschtabiges ist unter ihrem Ballkleid versteckt. Das lässt die Performerin noch grösser und länger erscheinen. Mit all dem Plunder schreitet sie nun zu uns. Wirft die Werkzeuge vor sich hin. Man sieht nun die Mistgabel unter den leuchtorangenen Ballkleid hervorstehen. Die Handlungen hatten bis jetzt etwas dilettantisch Hühnenartiges, Wildes für mich. Die Mistgabel zieht sich selber unter ihrem Rock hervor. Ernestyna macht sich mit der Mistgabel an dem Haufen Werkzeugen zu schaffen. Sortiert die Werkzeuge umständlich aus einander. Das ist doch kein Mist, kein Stroh, kein Gras! Das ist Metall, Eisen und schwer. Wie mit einem Rechen auseinander rechnend.
Ernestyna zieht einen Rechner, einen Laptop, aus der übergrossen Seitentasche ihres Ballkleid-Rockes hervor. Einen grauen Computer. Der Bolero wird lauter. Sie klappt den Laptop auf, hämmert mit den Fingern darauf herum, hält ihn in die Lüfte, schaut durch ihn in den grauen Himmel. Plötzlich bricht sie den Laptop nach hinten. Klappt ihn falsch zusammen! Was jetzt kommt sieht anstrengender aus, als man es sich von so einem dünnen Gerät, vorstellt. Sie beginnt den Computer zu zerstören. Biegt und kippt ihn nach hinten, dann wieder nach vorne und abermals nach hinten, bis er entzwei bricht. Dann sticht sie mit der Gabel in die Einzelseiten hinein. Der Bolero wird stetig lauter. Es ist erstaunlich, was da alles an Material zum Vorschein kommt. Diverse Klarsichtfolien, glitzernde A4 Blätter, die sie immer wieder in die Luft hält, sich darin spiegelt und als Spiegel vorhält. Man sieht ihr verzerrtes Gesicht darin. Rudimentär ordnet sie die herausfallenden und herausgerissenen Teile mit der Mistgabel. Sortiert sie nach Materialität und Form. Immer wieder benutzt Ernestyna neue Werkzeuge um den Computer zu zerteilen. Der Kampf gegen das Ungetüm nimmt seinen Lauf. Sie zelebriert tänzerisch das sich immer wieder körperlich Aufrichten und Beugen. Man sieht ihrer Performance direkt an, wann die gedanklich wollende Intention Tanz beginnt und endet.
Jetzt schlägt sie einzelne Tasten mit Hammer und Meissel heraus. Die fliegen durch die Gegend. Das funktioniert, obwohl die Laptop Tastatur so flach ist. (Später im Zug, auf der Heimreise, zeigt mir Raffael Stucki eine dieser Tasten, die er aufgelesen und mitgenommen hat.) Ernestyna zerlegt den Laptop weiter in Einzelteile. In einer groben, wilden und hünenhaften Art. Das lässt mich an Don Quixotes «Kampf gegen die Windmühlen» denken. Die Performance und die Zerlegung des Gerätes enden Punktgenau mit dem Ende des Boleros, der nun ziemlich laut geworden ist. Ich muss unweigerlich an eine Bücherverbrennung denken und an das, dass jetzt die Endzeit für diese Art von Computer und Arbeitsgerät gekommen sein könnte. Weil sich ja alles auf die Smartphones verlagert. Oder doch nicht? Weil ja all die Büros doch noch voll von Laptops sind. Weil es sich ja doch bequemer und besser darauf arbeiten lässt. Auf jeden Fall bleibt der Gedanke und das Gefühl, einer Endzeit Zeremonie beigewohnt zu haben.
Hansjörg Pfister-Köfler alias MirzlekidBasel, 16.2.2026