Maricruz Peñaloza:Christine Bänninger on air
Maricruz Peñaloza schreibt anlässlich von (((Performance On Air))) über die Performance «7 Steps to b.f.» von Christine Bänninger, welche am Freitag, 12.12.2025 im Museo Casorella Locarno gezeigt wurde.
(((Performance On Air))) – eine Kollaboration zwischen Lumpen Station und PANCH-Performance Art Network CH Performance: Christine BänningerSprecherin: Maricruz Peñaloza
Es ist ein kalter Dezembertag, aber wunderschön sonnig. Wir befinden uns im Aussenbereich, auf der Wiese vor dem Museum im Giardino Max Bill, in dem Skulpturen des Künstlers zu sehen sind. Die Leute beginnen, in den Garten zu kommen, und sammeln sich in kleinen Gruppen. Es sind die Freund:innen oder Verwandten der Künstler:innen, die heute ebenfalls performen: Lilian Frei und Sara Sonderegger.
Christine Bänninger kommt langsam in den Giardino. Ein weisses Kleid, verziert mit Scherenschnitten vorne und hinten – so erscheint sie. Vor der Performance musste ich sie fragen, wie sie diese «Artefakte» nennt. Ich kenne sie schon von anderen Arbeiten von ihr, sie sind ihr unverwechselbares Markenzeichen. Aber ich hatte den Namen nicht mehr richtig im Kopf. Ich wollte lediglich sicher sein, dass ich diesen «Artefakten» keinen falschen Namen gebe. Bei dieser Gelegenheit darf ich keine Zeit mit Erklärungen vergeuden oder ins Mikrofon stottern. Im Radio muss die Sprache flüssig aus der Zunge rollen.
«Scherenschnitt», sagte Christine zu mir. Sie hatte mir einen anderen Namen genannt, den ich aber sofort wieder vergessen hatte, weshalb ich bei diesem Begriff geblieben bin.Mehr wollte ich vor der Performance nicht wissen, eventuell noch, ob sie einen Titel für die Performance habe. Sie hat ihn mir gesagt, aber er war zu lang und auf Englisch. Sie überlegte, ob ich ihn während des Kommentierens im Radio erwähnen sollte oder nicht.Nein, sie wollte nicht und ich hatte es nicht erwähnt.
Um 15 Uhr beginnt das Event. Andrea Marioni, der Gründer der Lumpen Station, begrüßt die Zuhörer:innen.Ich bin die Erste, die an diesem Tag die Performance von Christine Bänninger kommentieren wird. Andrea erwähnt ausserdem, dass zwei der Performances auf Italienisch kommentiert werden und er fügt hinzu, dass ich die Kommentare auf Deutsch geben werde. Insgesamt werden an diesem Nachmittag drei Performances kommentiert und live auf lumpenstation.art übertragen. Ich habe das Mikrofon bereits in der Hand und bin soweit. «Danke, Andrea!»«Ist ihr nicht kalt?, fragte ich mich, weil sie sich für ein paar Sekunden an die Wand lehnte, um das Publikum anzusehen, bevor sie anfing. Aber bald verstand ich, warum sie keine Socken trug und ihre Beine nackt waren. Ihre braunen Schuhe sahen aus wie die Pfoten eines Vogels. Ja.Ja. Dieser Körper erinnert mich an einen Vogel.
Christine tanzt und bewegt sich hin und her. Sind das kathartische, unkontrollierte Bewegungen? Sie beugt sich nach vorne und neigt den Körper manchmal nach hinten. Ihr Kopf bewegt sich nach links. Ein Arm bewegt sich einmal nach hinten in die Luft, während der andere nach vorne geht, ohne die Scherenschnitte zu beschädigen. Ist es vielleicht ein Strauss? Oder ein Pfau?Es dauert ein Weilchen, bis mir auffällt, dass die Bewegungen, die sie macht, von einem für das Publikum nicht hörbaren Sound begleitet werden. Erst später bemerke ich, dass sie ein Handy in einer ihrer Hände hält und Kopfhörer trägt. Trotz dieser Bewegungen kleben die Scherenschnitte immer noch sehr fest an ihrem Kleid. Ich frage mich, wie sie diese daran befestigt hat.
Nach ein paar Minuten bleibt der tanzende Körper plötzlich stehen, und sie legt die Kopfhörer und das Handy zur Seite. Dann macht sie langsame Schritte. Sie beginnt, die Scherenschnitte von ihrem Körper zu entfernen und sie an der Wand zu befestigen. Jetzt sehe ich die Funktion der blauen Klebebänder, die an ihren Beinen kleben. Eins nach dem anderen werden die Scherenschnitte an der Wand aufgehängt. Das weisse Kleid darunter wird immer sichtbarer. Ohne Artefakte, oder doch Scherenschnitte!Blaue, grüne, rosa, rote, weisse, kleinere, grössere.Jedem Element wird ein Platz an der Wand zugewiesen, sodass eine Komposition entsteht. Durch die Befestigung an der Wand erhält diese eine zusätzliche ästhetische und malerische Wirkung. Spätestens dann merke ich, dass kleine Haken nicht nur vorne, sondern auch im Rücken mit Klebebändern an den Kleidern befestigt sind und als Träger der Scherenschnitte dienen.
Christine Bänninger steht wieder an der Wand, diesmal neben dem «erzeugten» Bild mit ihren Scherenschnitten. Nach ca. 13 Minuten ist die Performance zu Ende.Applaus. Es folgt eine Pause mit Musik für die Zuhörer:innen des Radios.
Maricruz Peñaloza. Zürich, 15. Dezember 2025
Bemerkung: Dieser Text ist aus dem Gedächtnis und mithilfe dreier Fotos geschrieben.