Hanga Séra:The wizard is not real
Hanga Séra schreibt anlässlich von «Resonanz in Sprache» über die Performance «The wizard is not real» von Lisa Laurent, welche anlässlich des Performancepreis Schweiz am 15.11.2025 im KUnstmuseum Basel gezeigt wurde.
Eine junge Frau steht vor dem Publikum.Sie trägt eine Trainingsjacke, hellblaue Strumpfhose und spitze Cinderella-Schuhe mit feinen Absätzen zum Umfallen.Sie zieht ihre Jacke aus und schreitet entschlossen halbnackt zum Tisch, der an der Wand steht.In der nächsten Minute hockt sie bereits oben und weint herzzerreissend.Wir sehen es an ihrem bebenden Rücken, und hören es deutlich.Ihr Weinen ist verstörend laut, sie versucht nicht im Geringsten leise zu sein.Nicht, wie ich normalerweise vor Fremden weinen würde.Ganz im Gegenteil, sie schluchzt mit Inbrust.Anfänglich denke ich, dass sie es uns nur vorspielt.Je länger ich aber ihr zuhöre, desto mehr Mitgefühl empfinde ich für sie. Was hat sie wohl so stark verletzt?Es sind kurze Verschnaufpausen, in denen ich mir erhoffe, sie würde sich beruhigen.Sie dreht sich plötzlich seitlich zum Publikum hin und setzt ihr Weinen fort.Ab diesem Moment wird es jeder und jedem im Publikum deutlich, dass es gespielt ist.Es ist zwar echt, aber gespielt – denke ich. Was heisst das? – denke ich auch.Sie schluchzt weiter mit Brillanz.Sie heult ohne Traurigkeit.Was soll das? Warum kann sie nicht so weinen, wie es sich gehört? Mit tiefer Traurigkeit und echten Tränen, während man sich mit aller Kraft bemüht, das Schluchzen zu unterdrücken.
Die weinende Dora Maar auf dem Bild Picassos.Das weinende Objekt.Femizide, denke ich. Siebenundzwanzig Frauen, die dieses Jahr in der Schweiz von ihren Partnern getötet wurden. Sie haben wahrscheinlich auch geweint. Auf der Flucht Tische umgehauen. Hat nichts geholfen.Lisa Laurent weint nicht wie ein Opfer, ihre Stimme ist kräftig und selbstbestimmt.Sie reisst das Mikrophon von der Wand, steigt vom Tisch und brilliert mit ihren Schluchzmelodien, wie ein Popstar.Ihr Weinen hat etwas Offensives. Warum hört sie nicht endlich auf?Sie schlägt den Tisch, haut darauf, er fällt um. Sie gibt nicht auf, tritt gegen ihn, der Tisch kommt näher und näher zum Publikum, samt dem Weinen und der halbnackten Performerin.Sie steigt auf den umgekippten Tisch, setzt sich akrobatisch auf die Tischbeine, oder setzt sich zwischen ihnen. Ihre Beine in halb-obszönen Posen und die des Tisches im rechten Winkel zur Platte. Zumindest die Tischbeine sind nicht gespreizt.
Ihr Weinen ist irritierend. Sie praktiziert es mit einer solchen Wucht und so gekonnt, dass mir die Sex-Hotlines in den Sinn kommen.Sie weint so geübt, wie die Frauen der Sex-Hotline stöhnen.Ich sehe es an den Rücken junger Männer in den ersten Reihen, wie entzückt sie sind angesichts ihres makellosen Pos unter der hellblauen Strumpfhose, das sie dem Publikum hinstreckt. Man würde am liebsten hinein beissen – wenn sie nur nicht so nervig weinen würde.Sie kennt viele Variationen – vom leisen Wimmeln bis zum offensiven Schluchzen.Was, wenn sie einfach das Lächeln in Weinen getauscht hat? Das ewige Lächeln in ein ewiges, verstörendes Heulen.Mir kommen Bilder der Werbung aus den 50-ern in den Sinn: Mann sitzt auf dem Stuhl, Frau liegt quer über seinen Beinen, damit er ihr Po verhauen kann, weil sie den Haushalt nicht perfekt führt. Sie lächelt, über den Beinen ihres Ehemannes liegend.Nach einiger Zeit scheint die Performerin sich zu mässigen. Beruhigen kann ich nicht sagen, da sie ruhig und ausdauernd und kraftvoll weint.Sie weint, aber sie scheint keinen Trost, keine Hilfe zu brauchen.Auch ihre Nacktheit ist offensiv, ihr Körper ist echt und kräftig und weiblich.Sie will nicht sexy sein, sie will nerven.Ihren Mund öffnet sie weit, damit sich ihre Kehle mit den Nerven des Publikums verbinden kann. Auch mit meinen. Ob ich es will, oder nicht.Endlich wird sie langsam leiser. Es würde im Normalfall eine Zeit des ruckartigen Atmens und leisen Wimmelns kommen, bis sich die Brust beruhigt und das regelmässige Ein- und Ausatmen wieder einkehrt. Nicht bei ihr.Ihr Wimmern geht in Melodien über, die einfach und leicht zu merken sind. Sie wiederholen sich immer wieder, mit leichten Variationen. Das Publikum singt vergnügt mit. Sie geht auf die Menschen zu, die Reihen öffnen sich sanft, um ihr Platz zu machen. Sie reicht das Mikrofon einer Frau hin, die die Melodie weitersummt. Anschliessend schreitet sie bis nach hinten und steigt auf die Wand, die den Aufführungsort von einem unbestimmten, verdeckten Bereich abtrennt. Man hört sie hinten Möbel umkippen, grosse, schwere Gegenstände werden verschoben. Sie treibt ihr Unwesen, denke ich. Das ist gut so, denke ich auch.Dann steigt sie wieder auf die Trennwand, steht da wie eine Zwischenfrau von Jeanne d’Arc und Taylor Swift, heroisch, glamurös und nervig und hört endlich auf mit dem, was sie tut.