Gabriel Magos:Giswil 13. September 2025
Gabriel Magos schreibt auf Anfrage der Kurator:innen über einzelne Performances im Rahmen der «Translocal Performance Art Giswil – Im Handumdrehn», am Samstag, 13.9.2025 in der Turbine Giswil.
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Giswil 13. September 2025
Ich komme also mit meinem «Hexenvelo», mit dem ich zur Zeit schon seit einer rechten Weile unangekündigt im öffentlichen Raum unterwegs bin, komme ich hier her zur Turbine Giswil, zur Translocal Performance Art, um im Rahmen des Performance Festivals «Im Handumdrehn» einige Performances anzuschauen und dazu etwas zu schreiben.
Die Turbinenhalle, Powerecke zuhinterst im Tal, rundherum Landwirtschaft.
Antonia Röllins Performance mit ihren Söhnen und ihrem Bruder verpasse ich leider. Chris Regn und Andrea Saemann empfangen mich. Und eine Frau, die ich von der Zauberlaterne her kenne. Etwa 140 Menschen in der riesigen Halle, absolute Stille, schon geht’s los, die Performance läuft.
Vu Duc Toan – Lieber nichts sagen
Der Vietnamese Vu Duc Toan reenactet «Lieber nichts sagen» von Monika Günther und Ruedi Schill, eine Performance von 2004. 2006 hatte Toan die beiden bei einem Workshop in Vietnam kennengelernt.
Er zeichnet einen Kreidekreis auf den Boden. Das Nichts wird zelebriert. Jetzt flattert er mit Vogelfedern heran. Die Friedenstaube nähert sich. Das Geräusch der Federn in der Stille.
Ah – es sind gar nicht Federn – es sind Papierchen, er legt sie im Kreidekreis aus. Mit einem Klatschen lässt er weitere Papierchen fliegen. Wo landen sie?
Er schmeisst Papierchen hoch. Wo landen sie?
Eine liegende Kerze, Kerzenflamme, Klaviermusik.
Er schneidet die Kerze entzwei.
Ich bin berührt – die Musik, der Kerzenschein, seine Ruhe.
Die Kerze ist nun ausgelöscht, diese Hälfte steht. Die andere Hälfte rollt am Boden. Er treibt sie mit dem Fuss vor sich her, durch die riesige Halle. Die ca. 140 Menschen folgen ihm. Ich sehe Tabea, Karin, Lena, Boris.
Vu Duc Toan hat eine Parabel gemacht – über den Wunsch nach Verständnis, nach Klarheit – und das Paradox dahinter.
Wenn ich mit dem «Hexenvelo» unterwegs bin, geschehen wunderschöne Begegnungen. Und Gespräche über die Kräfte, denen wir ausgesetzt sind, die wir verstehen möchten. Und die uns auch überwältigen können.
Trân Tran – COW HOW?/CÂU HOI?
Trân Tran liest aus einem Büchlein.
«Die Leute fragen mich – in Lausanne – woher kommst du? Weshalb bist du nicht weiss – wieso bist du hier?»
Trân Tran erzählt von den Eltern als Kriegsfüchtlinge aus Vietnam in den Neunzigern.
«Wenn ich blaue Augen hätte, die Menschen wären netter zu mir. Meine Eltern lernten sich in Frankreich kennen.»
Trân Tran erzählt von Rassismus, wie er sich gegenüber Menschen aus Asien zeigt.
Das Studium, Arbeit, Familie.
«Fühle ich schweizerisch? Muss ich weiss sein? Ich bin nicht weiss. Eine Landessprache kennen, den Pass haben, Schweizer Uhr, Käse oder Schokolade machen, jodeln – würde ich gerne lernen.
Neutral sein – ich glaube ich bin nicht neutral – ich bin es nicht, weil ich Kind von Kriegsflüchtlingen bin.»
Genau so ging es mir, als ich mit der weissen Fahne unterwegs war und am 25. Feb. 2022 die russische Armee die Ukraine überfiel. Da wurde mir klar, dass ich nicht mit der weissen Fahne unterwegs sein kann, weil ich als Ungarnflüchtling Partei bin.
«Ich bin müde und wütend, traurig, meine Herkunft verloren zu haben.»
Jetzt redet Trân Tran vietnamesisch, versucht es, kann es aber nicht richtig.
«Manchmal verliere ich diese Klänge, manchmal kommen sie zurück. Mein Vietnamesisch ist wolkig, zweite Generation von Einwanderern.»
Trân Tran versucht Vietnamesisch zu übersetzen.
«Wie klingt diese Sprache hier ? Ich komme von wo Reis gegessen wird, wo vietnamesisch gegessen wird.
Aber eigentlich komme ich von der Menschheit, der Diversität, den internationalen Gesetzen, ich komme von wo Faschismus bekämpft wird, von wo die wirklichen Kriminellen bekämpft werden, ich komme von wo nicht gesagt wird, es ist zu kompliziert.»
Trân Tran’s Stimme wird lauter.
«Ich komme von wo Genozide nicht akzeptiert werden.»
«Also auf die Frage, wie geht es dir, sei ehrlich – ich verliere nicht den Glauben an die Menschheit.»
Trân Tran entrollt ein Transparent. Dort steht
In situations of injustice to stay neutral is to choose the oppressors side
18.20 Uhr Boris Nieslony und Karin Meiner – We are still in discussion
Beide – in Schwarz – sitzen an einem Tisch mit weissem Tischtuch.
Boris macht Geräusche. Beide halten das Tischtuch hoch. Boris schimpft und grunzt. Karin schaut unter den Tisch. Boris rutscht mit dem Stuhl nach hinten.
Sie heben das Tischtuch hoch und führen es unter die Tischfläche. Ziehen es hin und her. Boris macht Geräusche. Sie halten inne.
Karin zieht das Tischtuch zu sich, hält es hoch. Boris nimmt den Tisch auf den Kopf. Karin zieht sich das Tischtuch über den Kopf. Boris steht auf.
Karin hält das Tischtuch hoch. Boris geht mit dem Tisch zu Karin. Legt den Tisch über Karin, sie buckelt den Tisch mit dem Leintuch.
Karin stellt den Tisch ab und legt das Leintuch drauf. Boris zieht Karin den Stuhl weg. Karin läuft mit dem Tisch rum. Boris macht Geräusche.
Er entdeckt das Tischtuch auf seinem Stuhl, nimmt es über den Arm. Karin läuft mit dem Tisch auf dem Rücken rum. Sie stellt ihn ab.
Boris legt das Tischtuch auf den Tisch. Karin rutscht auf den Knien umher. Boris wackelt mit dem Tisch. Karin kommt zum Tisch, sie wackelt mit dem Stuhl.
Sind Boris und Karin Vladimir und Estragon, ein älteres Paar oder spielende Kinder?
Karin steht auf den Stuhl, dann auf den gedeckten Tisch. Boris holt Tücher schwarz weiss rot, legt sie auf den Boden.
Machen die beiden eine Persiflage auf den politischen Betrieb?
Karin auf dem Tisch mit schwarzem Tuch über den Kopf. Boris mit schwarzem Tuch von hinten zu, hält das Tuch zwischen ihre Beine.
Karin tanzt mit schwarzem Tuch auf dem Tisch. Boris an der Wand. Karin liegt auf dem Tisch. Boris wippt bei der Wand.
What’s the story?
Boris schlägt gegen die Wand. Karin dreht sich auf dem Bauch auf dem Tisch. Boris stösst den Stuhl umher, argumentiert. Er kippt Karin vom Tisch.
Karin kniet, schlenkert ihre Arme. Boris knallt den Tisch wieder hin, macht Verrenkungen.
Karin geht hinter den Vorhang, holt Tape und Pumpe. Boris kommt zu ihr. Sie pumpen beide. Karin setzt sich auf den Stuhl, zieht eine Socke ab, entrollt das Tape.
Boris hält die Pumpe an Karins Fuss, Karin klebt die Pumpe an. Boris atmet aus, Karin pumpt mit dem Fuss. Sie läuft pumpend rum.
Boris quietscht mit dem Stuhl. Er stellt den Stuhl auf den Tisch, riecht an Karins Socke.
Eine Kristallkugel rollt ins Spiel. Karin fusspumpt. Tücher – Kristallkugel – Boris liegt auf dem Boden, Stirn auf dem Boden. Er täubelet in den Boden hinein.
Die Kristallkugel rollt zu Boris Mund. Karin bläst die Kristallkugel. Boris rollt sich, klopft auf den Boden, die Kristallkugel rollt heran.
Boris rüttelt am Metall. Karin auf dem Stuhl mit Leintuch über dem Kopf. Boris mit der Kristallkugel und Karin mit der Pumpe.
Karin lässt das Leintuch hinter Boris hängen. Boris schmeisst die Kristallkugel weit weg. Karin holt einen blauen Schlauch. Boris mit der Kristallkugel durch die Halle.
Sie sind zwei kleine Kinder.
Karin kommt mit einem gelben Bau-Band, sie rollt es auf die andere Seite, kommt damit zurück.
Was läuft hier? – lst es ein Leerlauf, ein Spiel, ein Ritual, eine Beschwörung… ?
Karin spricht Boris an. Nichts passiert. «Wir fangen von vorne an.»
Boris «Ist schon vorbei».
19 Uhr Rita Ambrosis – 2'943'360’000
Ein roter Lichtfleck, roter Scheinwerfer. Eine Bockleiter. Der Raum.
Ein Geräusch – von links in Hülle Stoff Plastik eine Gestalt. Aus einer Lichttüre. Auf dem Boden kraxelnd – Chihiro. Ein Käfer rollt sich herein, in Plastik. Rotes Licht.
Hält inne. Sagt «2 billion 943 million 360 thousand» englisch mit italienischem Akzent.
Etwas ist. Sie steht auf. Ein rotes Licht blinkt auf ihrer Brust. Etwas ist.
Are the aliens coming da hinten im Tal ? Sie trägt ein rotes Gewand. «I am looking for something.» Jetzt ist sie ist beim roten Lichtfleck.
Das rote Licht blinkt bei ihrem Herz. «Who is the heart, looking for something?»
Sie rennt. «Jogging is good for the heart.» Sie klettert auf die Leiter. «Climbing is good for the heart.»
«Do you hear my heart?» Sie kommt von der Leiter. «My heart was looking for something.»
Ein Mann kommt zu ihr. «I offer my heart.» Sie mit einem roten Tuch. Der Mann geht wieder. Sie geht zu Boden, packt sich ins Kleid.
«Can you hear my heart ? – 1 billion 480 million 200 thousand.»
Sie trampelt auf dem Tuch. Sie rennt, geht zu Boden, rennt, geht zu Boden, wälzt sich, setzt sich zu jemandem, zu mir, «Can you hear my heart, it’s beating».
«My heart is looking for something – 1 million 800 tausend 500 thousand» – sie setzt sich neben mich, «I hear my heart».
Sie geht zur hängenden Kette und benutzt sie wie eine Schaukel – Sie sagt Zahlen, die grosse Zahl, geht durch Publikum – «What i want to say is my heart likes your heart – it adores – unlimited».
Sie öffnet den Vorhang, die Türe und geht raus.
19.19 Uhr ‘nSchuppel
Im Dunklen eine dunkle Gestalt im Kleid lässt ihre Stimme erklingen. Von der anderen Seite des grossen Raumes kommt eine Stimme zurück.
Wieder erklingt die Stimme der Gestalt im Kleid und wieder kommt eine Stimme zurück, wie ein personifiziertes Echo, von einer Gestalt auf der anderen Seite.
Beide Gestalten haben ein Licht, sie rufen sich zu. Echo mit einer tieferen Stimme. Ist es die Göttin Echo?
Im grossen Raum ist jetzt Licht, draussen dunkelt es ein. Ich bin in der Turbine in einem anderen Raum in einer anderen Zeit.
Die Figuren nähern sich einander auf Distanz, eine dritte Figur kommt, mit Licht, sie rennt umher, auch mit Stimme. Eine Glocke erklingt. Jodel.
Spätestens jetzt will ich selber zäuerlen. Ich erinnere mich an meine Alpzeit, an die Jauchzer auf der Alp, an unseren Besuch beim Heidnisch Silvester.
Die Figuren beginnen zu zäuerlen, Metall erklingt, Geschrei, sie haben Lichter am Kopf, Masken, es sind surreale Fasnachtsfiguren, Dämonen, Hexensabbath, sie sind jetzt zu fünft.
Jetzt stehen sie in einem Kreis und setzen an zum gemeinsamen Jodel.
Langsam , in einer Prozession, gehen sie nach draussen. Ich werde überflutet von einer Welle von Erinnerungen. Ils comediants in Barcelona, le Mystère des Voix Bulgares, eigene Visionen von Prozessionen, meine flags process(ion) sculpture.
Es ist eine Öffnung des lokalen Erbes in ein universales Erbe. Die Scham überwinden. Globale Vision.
Das Leben ist ein Prozess, ein Fluss, der sich ständig verändert. Gleichzeitig haben wir eine Identität, Status und Position in der Gesellschaft. Da entsteht eine Spannung, und diese Spannung nennen wir Scham.
20 Uhr Kurze Pause draussen, drinnen Aufbau.
20.22 Uhr Thuy Anh Dong – Ten things about sweetness
Die Glocke läutet herein. Thuy Anh schiebt ganz links im grossen Raum den ersten Vorhang zur Seite, nimmt ein Glas Wasser und trinkt es.
Beim zweiten Vorhang ist ein Häufchen weisses Pulver.
Sie schiebt den nächsten Vorhang zur Seite. Der Mensch im Raum. Mensch und Architektur. Power.
Es wurde gebaut und jetzt wird es belebt. Sie belebt es. Sie versetzt das Publikum in Prozession, denn sie geht zum nächsten Vorhang und wir gehen mit. Der Raum dient der Prozession. Der Raum ist ein Prozess, der Raum wird durch das Durchschreiten zum Prozess, und sie führt uns in diesen Prozess hinein, in die Auseinandersetzung mit unserer Scham.
Es geschieht eine Interaktion zwischen Publikum und Raum, der Raum wird zum Akteur.
Der nächste Vorhang bewegt sich. Sie bewegt den Vorhang. Eine Enthüllung.
Sie hat weisses Pulver geschluckt. Sie hustet. Ein weisser Tisch ist da. Sie zieht den Tisch in den Raum. Sie bringt rote Flüssigkeit in einem Glas. Sie trinkt von der roten Flüssigkeit. Sie riecht an der roten Flüssigkeit.
Sie spuckt das Weisse in die rote Flüssigkeit.
Sie geht weiter. Das Publikum geht weiter.
Es gibt das Mentale, das Psychische, das Architektonische, das Physische, das Emotionale. Mir ist das Emotionale am Nächsten. Und ich spüre, dass da etwas kommt.
Und dann aber verschwindet sie in der Toilette und ganz lang ist nichts. Nichts. Was tut sie dort drinnen, tut sie sich etwas zuleide, aber nein –
Sie kommt in einem pinken Kleid wieder raus und geleitet uns in einen Raum, in dem ein grosser Haufen Milchpulver in der Mitte ist. Sie pustet und pustet in das Pulver, bis eine kleine Kuh hervor kommt.
Dann wieder im grossen Raum. Sie verteilt Schokoladestückchen und fordert uns auf, diese im Mund zergehen zu lassen.
Und dann bohrt sie mit einem grossen Messer zwei Löcher in eine Kondensmilch-Büchse und erzählt, dass in ihrer Kindheit die Kondensmilch so kostbar war, dass sie diese nur tröpfchenweise erhielt, und sie jetzt aber eine ganze Büchse leeren möchte. Und sie sagt, beim einen Loch in der Büchse kommt die Kondensmilch raus, und beim anderen Loch müsse man blasen.
Sie legt sich hin, hält die Büchse über ihrem offenen Mund in die Luft und fordert uns auf, ins andere Loch zu blasen. Erst tut das einer, dann ich. Für uns als Flüchtlingskinder in der Schweiz war es genau dasselbe mit der Kondensmilch. Ihr Mund füllt sich immer mehr mit Kondensmilch, bis es überläuft.
Am Schluss liegt sie einfach da, die letzte Kondensmilch tropft in ihren Mund – es ist so eine unglaubliche Präsenz im Raum.
Dann in einem Gang, sie zieht das Oberteil ihres Kleides aus und kommt mit einem hautfarbenen Büstenhalter wieder raus.
Noch ein Vorhang, Flackerlicht, sie widmet diese Performance ihrer Mutter, einer Krankenschwester. Es waren zuhause immer süsse Sachen da, die meisten von Nestle.
Bald steige ich wieder auf mein «Hexenvelo» und fahre weg. Ich habe einer richtigen Hexe assistiert.
Im Zug lerne ich noch Quynh Dong kennen, die als Bootsflüchtling von Vietnam kam. Über sie ist der Kontakt von Benjamin zu den vietnamesischen Kunstschaffenden zustande gekommen. Sie macht riesige Blütenblätter aus Keramik und inszeniert Slow Motion Choreographien.
Ich bin in eine magische Welt eingetaucht. Hanoi. Ich habe mit Thuy Anh geredet. Was will das Schicksal von mir, dem Ungarnflüchtling, zurückgeworfen, auf dem «Hexenvelo» unterwegs, die Scham untersuchend?
Ich will mich öffnen.