Marie-Anne Lerjen:Aussterben. Kipppunkte – Into the Void
Marie-Anne Lerjen schreibt über die Performance «Aussterben. Kipppunkte – Into the Void» von Dorothea Rust, Jörg Köppl und dem Ensemble Tzara, die am 30.5.2026 im Sihlhölzli-Park in Zürich aufgeführt wurde.
Ich finde auf meinem Tisch die Einladung wieder: «Aussterben. Kipppunkte – Into the Void». Der Anlass hatte mich angezogen, denn hier wird Klartext gesprochen. «In einer von Katastrophen gemachten Zeit …». In welche Zukunft wollen wir kippen?
Eine kleine Parkanlage. Rundherum grosse Bäume. Am grossen runden Planschbecken sind Familien mit Kindern zugange. Wir beobachten mit Kopfhörern die Szenerie. Eher idyllisch. Musik, Wörter, Geräusche. Dorothea kraxelt über den Rasen. Notenständer mit runden Spiegeln darauf. Zwei grosse Röhren mit Mikrophonen. Rettungsfolien auf einem Haufen.
Dorothea in Bewegung. Sie spricht ins Mikrofon. Sie spricht über Abfall, nimmt geplatzte Ballone vom Rasen auf. Ihre Stimme im Kopfhörer drängend, forsch, anklagend. Menschliches, destruktives Verhalten. Sie kommt ins Atmen, die Bewegung ist anstrengend. Sie steigt auf eine Parkbank. Hoch auf der Lehne balanciert sie. Balance, Gleichgewicht. Das ökologische Gleichgewicht ist ins Wanken gekommen. Wir verheeren unsere lebenswichtigen Systeme.
Ich stehe mit den Füssen im Wasser. Um mich herum spielen Kinder. Die Rettungsfolien wehen im Wind. Das Zuhören über die Kopfhörer macht freies Gehen möglich, Herumgehen, aktives Überlagern von all den Dingen, die hier vor Ort geschehen. Mich beeindruckt die Präsenz von Dorothea, die drängende Energie.
«Dorothea, stimme bitte die Röhre um», hören wir aus dem Hintergrund. Es ist die Stimme von Jörg Köppl. Er verantwortet die Komposition für Instrumente und Klang-Objekte. Die Umgebungsgeräusche, die durch zwei mit Mikrofonen verstärkte Röhren gefiltert werden, vermischen sich mit dem Klang der Musikinstrumente – eine Geige, eine Querflöte, eine Klarinette, ein Horn (Ensemble Tzara). Auch mikrotonale Klänge. Ich erinnere mich gut an Dorotheas Stimme. Was waren ihre Worte? Sexy hope? Eine Drohne kreist über den Platz.
Ein kurzes Video, das wir auf dem Handy anschauen, zeigt Dorothea. Sie steht in der Sihl und spricht über den Autobahnstumpf, da wo die Autobahn abbricht, wo die Planung ausgebremst wurde. Noch mehr Fluss wäre mit der Autobahn überbaut worden.
Wir erhalten Gummibänder, werden aktiv. Verbinden uns über die Füsse zu einer grossen Gruppe. Später geben wir die Handys ab. Sie liegen auf der Rettungsfolie. Die Hände frei. Saadet Türköz singt stimmkräftig, versöhnlich.
Ich erinnere mich an ein kurzes Video, das ich mal gedreht habe. Auf einem Tisch liegen zwei rechteckige Holzleisten über Kreuz mittig aufeinander. Am linken Ende der oberen Leiste lege ich Steinchen auf. 1, 2, 3, immer mehr. Plötzlich kommt die Leiste leicht ins Wanken. Dann senkt sie sich schnell ab. Der Kipppunkt ist erreicht.
Joanna Macy und ihr Mitautor Chris Johnston sprechen von «diskontinuierlichen» Veränderungen: «Diskontinuierliche Veränderungen können durch recht kleine Ereignisse ausgelöst werden. Wenn man dicht vor einer Schwelle steht, kann ein ganz kleiner Schritt genügen, um ihn zu überschreiten.» (Hoffnung durch Handeln, 2014, S. 175)
Wir hören oft von den katastrophalen Kipppunkten, Kippelementen im Klimasystem. Macy und Johnston sprechen von «sozialen Kipppunkten». Der Moment, wo der Sozialkörper plötzlich in Bewegung gerät, eine Bewegung entsteht. Diesen Kipppunkt spüre ich noch nicht, andere rücken näher, planetare.
Das Zitat eines Trauma-Spezialisten fällt mir ein: «Resilienz ist die Fähigkeit, mit der Herausforderung in Verbindung zu bleiben. Das bedeutet, dass ich in einem Zustand der Agilität, Kreativität und Entscheidungsfreiheit bleibe, wenn ich der Herausforderung begegne – und dass ich dadurch in Bewegung bleibe.»
Sich dem «Aussterben» «aufbäumend, spielerisch» zuzuwenden, wie die Einladung ankündigte, scheint mir genau das, mit der Herausforderung kreativ in Verbindung zu gehen. Das habe ich im Sihlhölzli-Park erlebt. Ein bemerkenswertes Unterfangen.